Black Box Afghanistan – Leben unter den Taliban

Im Rahmen der interkulturellen Woche hatte die Flüchtlingshilfe Mittelhessen zu einem Informationsabend zu Afghanistan eingeladen, der mit ca. 40 Personen sehr gut besucht war. Ein Ehepaar aus Afghanistan berichtete auf Fragen von Klaus-Dieter Grothe, Vorsitzender der Flüchtlingshilfe, über den Alltag im Land. Beide haben regelmässig Kontakt zu Verwandten, die noch dort leben. Deshalb war ihr Wunsch, dass auch ihre Name nicht genannt wird, um die Verwandten nicht zu gefährden. Mit einem Paukenschlag begann das Gespräch: beide berichteten, dass jetzt das komplette Internet in Afghanistan abgestellt wird, was eine Kommunikation mit Angehörigen praktisch unmöglich macht.
Unter den Taliban schotte sich das Land immer mehr ab. Sie berichteten, dass für einfache Menschen das Leben äußerst schwer geworden sei. Sie rechneten vor, dass mit einem einfachen Einkommen, wenn man kein Funktionär der Taliban sei, nur knapp das Überleben gesichert werden könne, Lebensmittel seien knapp und teuer geworden, Hungern sei alltäglich geworden. Die Mieten hätten sich in den großen Städten verdoppelt, weil viele Taliban, Funktionäre und einfache Milizangehörige, vom Land in die Städte gezogen seien.
Die Bildung sei für Mädchen nur auf Grundschulniveau möglich und auch für Männer bestünde die Bildung darin, die Ideologie der Taliban zu lernen. Literatur würde nicht, Naturwissenschaften würden nur nebenbei gelehrt. Der Bildungsminister habe selber gesagt, dass Wissenschaft nicht notwendig sei. Es gebe zwar Universitäten, aber auch die würden auf einem sehr niedrigen Niveau unterrichten. Sie würden auch eher von Taliban-Ideologie sprechen als von Unterweisung im Islam, weil die Taliban noch nicht einmal Theologie betreiben würden und den Islam, wie er an islamischen Hochschulen gelehrt würde, ablehnen würden.
Frauen dürften nur tief verschleiert und mit Begleitung eines männlichen Verwandten aus dem Haus gehen, alleinstehende Frauen müssten verhungern. Auch die Männer würden regelmässig kontrolliert, ob sie die Gebetszeiten einhalten würden und die Bärte lang genug seien. Allen Friseuren im Land sei es verboten worden, die Bärte zu kürzen. Schminken sei für Frauen auch im privaten Rahmen verboten.
Ebenso sei jede Musik und Tanz im Land verboten, Hochzeitsfeiern dürfe es nur im kleinen privaten Rahmen geben.
Die medizinische Versorgung werde in den Städten noch aufrechterhalten, auf dem Land sei sie nicht mehr vorhanden, die Mütter- und Säuglingssterblichkeit sei dadurch sehr hoch, man sprach davon, dass jede vierte Mutter bei der Geburt sterben würde.
Insgesamt zeichnete sich das Bild einer Herrschaft ab, die das Land in eine weitere Katastrophe führen würde. Ohne Bildung, Wissenschaft und Kultur würde auch irgendwann die Landwirtschaft Schaden nehmen, denn die Bewässerungssystem müssten gepflegt werden.
In der anschließenden Diskussion bestätigen und ergänzten anwesende Menschen aus Afghanistan die Aussagen. Deutlich angesprochen wurden aber auch die Konflikte der Volksgruppen untereinander, was den Taliban den leichten Vormarsch ermöglicht habe. Man war sich einig darin, dass nur Bildung und gegenseitiges Verständnis auch unter Afghanen zukünftig ein anderes Afghanistan möglich machen könnte. Unverständnis herrschte darüber, dass die deutsche Regierung dieser furchtbaren Diktatur entgegenkomme und dabei sei, diese als Regierung anzuerkennen.
